Dokumentation des 6. Workshop-Forums der Grundtvig Lernpartnerschaft "Network of Intergenerational Learning in Europe" (NIGEL) vom 20. bis 22. Februar 2006 in Gernika / Baskenland (Spanien)

Das 6. Workshop- Forum im Rahmen der Lernpartnerschaft- NIGEL fand auf Einladung des Friedensforschungszentrum Gernika Gogoratuz in Gernika, im Baskenland statt. An dem Treffen nahmen außer den Kontaktpersonen und einigen MitarbeiterInnen der aus Deutschland kommenden Partnerorganisationen OWEN und dem Projektebüro "Dialog der Generationen", Die Bereicherung durch das Zusammentreffen mit Menschen unterschiedlicher Länder und Generationen macht meines Erachtens europäisches Lernen überhaupt erst möglich. einige spanische TeilnehmerInnen, junge Lernende aus Deutschland und der Schweiz, sowie ältere Lernende aus England teil. Der thematische Schwerpunkt lag dabei auf "Erinnerungsarbeit". Der zweitägige generationsübergreifende Austausch ermöglichte ein gemeinsames Erinnern historischen Geschehens und trotz kultureller und nationaler Unterschiede stellte sich schnell heraus, dass viele biografische Gemeinsamkeiten, beispielsweise die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die TeilnehmerInnen verbinden.

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Fotografin:
Kinga Rytau-Jankowski

Gernika liegt im Norden Spaniens, 33 km östlich von Bilbao. Im April 1937 befand sich Spanien im Bürgerkrieg. Am 26.04.1937 fand der Luftangriff der deutschen Legion Condor auf Gernika statt, bei dem eine Strategie des Luftkrieges angewandt, welche später systematisch während des Zweiten Weltkrieges praktiziert wurde. Das eigentliche Ziel der Bombardierung war die Zivilbevölkerung, zudem sollte der Widerstand der Basken, die Autonomie für ihr Land forderten, vernichtet werden. Gernika wurde während des Luftangriffs vollständig zerstört, Hunderte von Menschen kamen ums Leben. Nachdem die Franco- Truppen die Stadt besetzten, war es in der Öffentlichkeit verboten, über die Bombardierung zu sprechen, zudem stritten die Täter die Verantwortlichkeiten ab und beschuldigten die baskischen Roten und Separatisten die Verbrechen begangen zu haben. Zudem habe ich es aus (vielleicht übertriebener) Rücksicht unterlassen die wirklich spannenden Fragen zu stellen. "Wie schaffst du es Spanier nicht zu hassen?", "Wie war's in den 50ern?", "Du begegnest täglich Leuten die Franco verehren wie gehst du damit um?" Noch heute ist es den Überlebenden ein Anliegen über ihre Erinnerungen zu berichten und an die kommenden Generationen weiterzugeben um dem Vergessen vorzubeugen. Der historische Hintergrund, sowie die Begegnung mit den Überlebenden des spanischen Bürgerkrieges und des Bombenangriffes auf Gernika durch die deutsche Luftwaffe, gaben den TeilnehmerInnen einen tiefen Einblick in die spanische Geschichte.

20.02.06
Am ersten Tag fuhren wir nach Elgeta, wo einige der Überlebenden die Einnahme durch die Franco-Truppen und Ich finde die Erinnerungsarbeit mit Zeitzeugen so wichtig, weil sie einen realen Eindruck von historischen Ereignissen vermitteln können. Sie geben den grausamen Ereignissen, die in einer abstrakten Beschreibung im Geschichtsbuch kaum vorstellbar sind, ein menschliches Gesicht. deren Terror, ihre Erinnerungen, an Krieg, Verlust von Familienmitgliedern und Freunden, Angst und tiefe Trauer mit uns teilten. In dem kleinen Ort, 30 Kilometer von Gernika entfernt, fanden im Juni 2004 Leichenausgrabungen von Menschen, die während des spanischen Bürgerkrieges ermordet wurden, statt. Die Zeitzeugen zeigten uns ein Haus, hinter dem 6 Leichen begraben wurden und erzählten uns von den grausamen Ereignissen und von dem jahrelangen Schweigen.
 

Am Nachmittag kehrten wir nach Gernika zurück und besuchten dort auf Einladung eine Gruppe von jungen Menschen, die seit einigen Monaten, die ehemalige Waffenfabrik ASTRA besetzen. Sie organisieren dort Konzerte, Filmvorführungen und andere Veranstaltungen, damit möchten sie eine kulturelle Alternative zu dem eher öden kulturellem Angebot in Gernika aufbauen. Die Art und Weise, wie sich die Jugendlichen [in der besetzten Waffenfabrik] gewaltfrei, aber hartnäckig und sehr durchdacht für die Freigabe der Gebäude für kulturelle Arbeit einsetzen, hinterlässt bei uns allen einen bleibenden Eindruck. Das Ziel der Gruppe ist es, einen generationsübergreifenden Kulturort zu schaffen für alle, die sich kulturell engagieren. Die jungen, friedlichen Rebellen erzählten uns, dass sie schon mehrere Male nach polizeilicher Aufforderung die Fabrikräume verlassen mussten, aber sie kommen immer wieder zurück und versuchen ihre Arbeit fortzusetzen um dem Namen `Gernika als eine Stadt der Kultur` tatsächlich gerecht zu werden. In den verwahrlosten Räumen der Waffenfabrik liegen heute noch alte Bücher, Dokumente und Aufzeichnungen aus den Zeiten, als die Fabrik noch betriebsfähig war.

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Fotografin:
Kinga Rytau-Jankowski

Am späten Nachmittag fand ein Geschichts- und Biographieworkshop "Transmission of Remembrance" unter Leitung von Dr. Marina Grasse statt, bei dem es um unser historisches Gedächtnis, d.h. um vermittelte und erlebte Geschichte ging. Vielen von den TeilnehmerInnen wurde dabei klar, dass zeithistorische Entwicklungen eng sowohl mit unseren biografischen Verläufen und Erfahrungen als auch mit denen unserer Familien verbundnen sind. Die TeilnehmerInnen bemerkten auch, dass trotz verschiedener Lebenskreise, die Lebensläufe der Familien stark durch die Kriege geprägt wurden und das es eine Ich habe verstanden, dass das Thema "Erinnerung" für viele Leute eine wichtige Rolle spielt. Parallele bei der Art und Weise wie wir uns erinnern und an was wir uns erinnern, gibt. In den Berichten mancher TeilnehmerInnen wird dies besonders sichtbar. Es entstand eine nachdenkliche Stimmung unter den TeilnehmerInnen, und beeinflusste die nachfolgenden Gespräche in den Abend hinein.

21.02.06
Am zweiten Tag besuchten wir das Friedensmuseum (Museo de la Paz de Guernica), das 1998 gegründet wurde und welches Ausstellungsstücke präsentiert, die über Jahrzehnte von Privatpersonen bewahrt wurden. Unter anderem sind dort Veröffentlichungen und Dokumente zum spanischen Bürgerkrieg und dem Luftangriff zu sehen. Der Besuch des Museums hinterließ bei den meisten von uns einen starken Eindruck. Die Gestaltung des Glasfußbodens im Museum mit Trümmerresten und persönlichen Gegenständen der vermutlichen Opfer hat mich sehr beeindruckt. Vor allem der Raum, in dem ein Bombenangriff imitiert wurde. Nach dem Museum besuchten wir das Friedensforschungszentrum Gernika Gogoratuz - Centro de Investigación por la Paz -, das zum fünfzigsten Jahrestag des Luftangriffs 1987 gegründet wurde und sich insbesondere der Friedenspädagogik widmet. Die Mitarbeiter des Zentrums führten uns in die Vereinsarbeit ein und erzählten uns von ihren Aktivitäten. Danach führte uns Juan Gutierrez, der Gründer und ehemalige Direktor des Friedensforschungszentrums durch die Gernika. Trotz strömenden Regens gelang es ihm mit unglaublichem Erzählen unsere Aufmerksamkeit auf die Geschichte des Ortes zu lenken, so dass das Unwetter nicht wirklich wahrgenommen wurde.

Das Besondere jedoch an dem drei tägigen Treffen war, dass wir einen Teil der spanischen Geschichte hautnah erlebten. Das kleine baskische Städtchen, das sich auf den ersten Blick von anderen kleinen Städten nicht besonders unterscheidet, enthüllte uns, Schritt für Schritt, seine traurige und schmerzvolle Vergangenheit. Die "Legion Condor" bombardierte die baskische Stadt Gernika. Der Luftangriff richtete sich hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung. Bis heute ist unklar, wie viele Tote und Verwundete es bei der Bombardierung gab. Einige der Überlebenden fanden Zeit für unsere Gruppe und trafen uns in Gernika und in Elegeta. Die beste Art und Weise, Geschichte in sich aufzunehmen und verstehen zu können, ist der direkte Umgang mit den Personen, die diese erlebt haben. Sie erzählten uns von dem Bombardement durch die Legion Condor, von der Zerstörung ihrer Häuser, ihrer Kindheit, ihrem damaligen Leben. All dies geschah vor fast siebzig Jahren und wir sahen Tränen in den Augen der Erzähler, als wären die Ereignisse gestern geschehen. Die Überlebenden des schrecklichen Geschehens trugen jedoch in sich keine Wut oder Zorn. Sie erzählten uns ihre Geschichten in der Hoffnung, dem Vergessen vorzubeugen.
Sie erinnerten uns an die sinnlose Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, damit die nächsten Generationen aus ihrer Geschichte lernen und ihre friedliche Botschaft der Versöhnung mit der schmerzvollen Vergangenheit weiter geben. Sie bedankten sich bei uns für unser Interesse an ihrer Geschichte und sagten, dass sie uns immer willkommen heißen werden.
Für unsere deutschen TeilnehmerInnen war das ein rührendes Moment, weil sie aus Deutschland, also dem Land, das die Stadt bombardierte, kamen. Die Überlebenden teilten mit uns nicht nur ein Stück ihrer Geschichte, vielmehr zeigten sie uns, dass eine friedliche Verarbeitung einer schmerzvollen Vergangenheit möglich ist.

Kinga Rytau-Jankowski

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