Dana (26 Jahre)
Erinnerung in Gernika
Die Erinnerung in Gernika an die Zerstörung durch die Bomben fällt besonders dadurch auf, dass sie nicht auffällt. Als Fremde und in unwissender Unschuld komme ich in die kleine Stadt. Was wusste ich über Gernika? Dass es ein Bild von Picasso gibt, dass diese kleine Stadt zu trauriger Berühmtheit gelangte - durch das Bild von Picasso oder das Bild durch sie? Dass deutsche Bomben Gernika praktisch dem Erdboden gleichgemacht haben.
Was erwartete ich denn eigentlich, als ich die Stadt betrat? Dass an jeder Ecke ein weinender Baum steht? Dass Elend und Trauer herrscht? Über ein Ereignis, dass nun bald 70 Jahre zurückliegt? Was ich wohl erwartet hatte, fiel mir erst nach und nach auf.
Zunächst also betrete ich die Stadt - im Regen: moderner Busbahnhof, saubere Straßen, gepflegte Häuser. Normalität. Eine Kleinstadt aus dem Bilderbuche. Es gibt eine Hauptstrasse, die von schönen Häusern gesäumt ist und unter deren Arkaden sich kleine Geschäfte, Kneipen, Cafes und Restaurants reihen. Ein Platz, noch mehr Arkaden, eine Statue, Blumenkübel, am späten Nachmittag die Strassen gefüllt von Frauen, Männern, Kindern. Was fällt mir Besonderes auf? Eigentlich nichts, nur dass ich mich inmitten der Berge und im Baskenland befinde. Also diese schöne kleine Stadt. Mit dem Charme, den eine kleine Stadt für eine Großstädterin hat: angenehm durch Ruhe und Unaufgeregtheit.
Wie bringe ich nun also dieses kleine Bild des (zumindest oberflächlichen) Frieden mit den Ereignissen von 1937 in Verbindung? Natürlich lassen sich Orte finden, an denen gedacht wird: ein modernes Museum, Denkmäler, ein Mosaik des Picasso-Bildes. Natürlich lassen sich (noch) Menschen treffen, die sich erinnern und die erinnern.
Erst als ich schon wieder zu Hause bin, fällt mir auf, fällt mir ein, warum es mir so schwer fällt dieses Gernika mit seiner Zerstörung zu verknüpfen: Es ist diese Einheitlichkeit der Bauten, dieses Geordnete, das Pittoreske. Die Stadt wurde wiederaufgebaut, fast als sei nichts gewesen. Ich denke an meine Heimatstadt, die im Krieg zu mehr als 60 Prozent zerstört wurde. Kein Haus gleicht dem anderen. Die Stadt ist - so schwer es mir auch fällt dies zuzugeben - hässlich, ein Sammelsurium aus sechziger-, Siebzigerjahre-Bauten gebrochen von ein oder zwei mittelalterlichen Toren, gekrönt, durch den Wiederaufbau der Altstadt, umgeben von Moderne, Zerfall und Chaos. Was hier sichtbar wird, ist die Zeit. Auch hier ist nicht vorstellbar, dass an dieser Stelle Trümmer lagen. Doch auf den Trümmern wuchs eine neue Stadt, nach und nach und ihre Allmählichkeit erinnert an das Gestern, erinnert an den Bruch. Eine zerstörte Kirche wurde bewusst nie wieder aufgebaut, ich weiß noch, wie mich das als Kind erschüttert hat: die Mauern der Kirche, ohne Dach, trauernde Figuren.
Zurück ins Baskenland: Vor meinem inneren Auge Gernika - 1937: im Museum, das mit hochmodernen Ausstellungsmethoden fast schon futuristisch anmutet, werde ich zurückgeholt. Der gläsernen Boden der Ausstellung gewährt mir Sicht auf Trümmer, gemischt mit persönlichen Gegenständen, zerdeppertem Geschirr, Schuhen, Büchern, Brillen… Unter meinen Füßen erhasche ich einen Blick auf die Vergangenheit. Und vor den Toren des Museums: scheinbare Harmonie.
Der europäische Austausch im Rahmen von NIGEL hat mich manches mit anderen Augen sehen lassen. Der kurze Einblick in die spanische bzw. baskische Geschichte, hat mich neugierig gemacht und ermutigt, Geschichte noch mehr aus europäischer - d.h. vielfältiger Perspektive zu betrachten.
Durch Internet und Reisen gibt es viele Möglichkeiten der Begegnung mit (jungen) Menschen aus anderen Ländern. Dabei scheinen (auf den ersten Blick) gerade junge Menschen sehr ähnlich zu leben und teilweise zu denken, tragen Klamotten aus den gleichen Läden und hören ähnliche Musik etc. Erst wenn man sich gemeinsam mit einem bestimmten Thema auseinandersetzt, werden Unterschiede deutlich, die Auswirkungen auf unser Leben haben und vor allen Dingen darauf, wie jedeR einzelne von uns die Welt wahrnimmt.
Mit Menschen anderer Generationen (nicht nur) aus anderen Ländern kommt man als junger Mensch in der Regel sehr viel seltener in Kontakt. Die Bereicherung durch das Zusammentreffen mit Menschen unterschiedlicher Länder und Generationen macht meines Erachtens europäisches Lernen überhaupt erst möglich.